James Foley – jede Handlung zählt

Ich bin schockiert und bewegt von der Tötung des Journalisten James Foley. Vielleicht, weil er beruflich „einer von uns“ war, weil ich große Achtung habe vor diesen Menschen, die an den Krisenherden und in den Kriegsgebieten dieser Erde arbeiten. Damit wir, die hier in Frieden und Wohlstand leben, nicht vergessen. Vergessen, dass es eine andere Welt gibt, in der man von dem Stress, den uns der Wocheneinkauf oder der Wohnungsputz bereitet, nur träumen kann. James Foley hat mit seiner Arbeit als Foto-Reporter dafür gesorgt, dass wir nicht vollends in der Bequemlichkeit unseres Alltags versinken.

Ich wage gar nicht, mir vorzustellen, was seine Familie und seine Freunde empfinden, wenn sie die Bilder sehen, die um die welt gehen, oder die Texte lesen, die die letzten Minuten seines Lebens beschreiben.

Man darf dieses Video nicht zeigen. Denn das würde James Foleys Menschenwürde verletzen. Insbesondere nun, wo er tot ist. Und es würde völlig pietät los gegenüber den Menschen sein, die zum ihm gehören.

Gleichwohl ich es unfassbar grausam finde, was James Foley nicht nur durch die Hinrichtung, sondern auch durch die zweijährige Gefangenschaft angetan worden ist, möchte ich diejenigen Menschen nicht vergessen oder geringer schätzen, die seit Wochen zu Hunderten im Irak von denjenigen getötet werden, die der Auffassung sind, ihre Glaubensüberzeugung rechtfertige jedes Mittel. Oder diejenigen, die auf der Flucht sind. Diejenigen, die im Sudan sterben, in der Ukraine, im Gaza-Streifen, in Israel oder in anderen Gebieten dieser Erde. Vielleicht ist das manchmal das einzige, was wir tun können, wenn wir vermeintlich hilflos vor dem Fernseher oder dem Radio sitzen, Zeitung oder Internet-Artikel lesen.

Ich bin aber auch davon überzeugt, dass es unsere Verantwortung ist, etwas von dem Reichtum abzugeben, den wir besitzen – und im Vergleich zu den allermeisten Menschen auf der Welt ist jeder, der einen Job hat oder durch unser Sozialsystem abgesichert ist, unfassbar reich. Oft fällt es Menschen schwer, materiell zu teilen, etwas von ihrem Geld abzugeben. Das kann ich sogar nachvollziehen, offenbar ist die Angst, nicht genug abbekommen zu haben, uns Menschen in die Wiege gelegt. Doch erstens ist diese Auffassung eine Selbstlüge. Und zweitens kann man immer etwas abgeben. Und wenn es nur Großzügigkeit, Nachsicht oder Freundlichkeit ist.

Ich wünsche mir, dass mir das besser gelingt. Dass ich noch viel mehrn Energie daran setze, egal, ob es mir gerade passt, ich genervt bin oder bequem. Damit die Stadt und der Microkosmos, in dem ich lebe, kein Substrat werden für Unzufriedenheit und Missgunst. Denn darauf geht die Saat auf, die die EinFlussnahme dessen, was die Schlechtigkeit dieser Welt ausmacht und Umstürze, Krisen und Kriege begünstigt.

Das klingt vielleicht abstrakt, aber es ist meine feste Überzeugung, dass unser alltägliches Leben Einfluss hat auf die Welt.

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Vor Inbetriebnahme bitte sorgfältig lesen

„Das Leben gehört dem Lebendigen an, und wer lebt, muß auf Wechsel gefasst sein.“ Das hat Goethe formuliert. Schlauer Typ. Soviel ist sicher. Hat Weltgeschichte geschrieben. Und Weltliteratur. Nach einer expliziten Anleitung, „How to behave in situations of existential transformation“, suchen meine Augen in „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ allerdings vergebens. Zumindest beim kurzen Querlesen der 565 Seiten der Reclam-Ausgabe von 1986. Wunderbar, Johann Wolfgang, ich nehme an, die Exegese dieses klugen Satzes steckt irgendwo zwischen den abertausenden millimeterkleinen Zeilen auf all den Gesangbuch-dünnen Seiten. Das bringt mich jetzt nicht weiter hier. Ich hab weder Zeit, noch ausreichend verschiedenfarbige Textmarker und Post-its, um das Werk nochmal durchzuackern. Ganz im Gegenteil zu Wilhelm Meister. Der hatte Jahre für die Mission „Selbstfindung“ und wusste am Schluss zumindest, dass er Arzt werden will und wen er heiraten möchte. So viel hab ich mir von der Uni noch gemerkt. Mädchen eben.

Zwar erinnert mich das Papier dieses Buches rein von seiner Textur her an einen Beipackzettel, doch wäre dessen Format auf keinen Fall alltagstauglich. Das passt ja in keine Packung, nicht einmal gefaltet. Ich habe den leisen Verdacht, meine Lebenspackung wurde ohne Beipackzettel geliefert. In der leicht zerknautschten Schachtel mit den angefransten Ecken ist zumindest nichts dergleichen mehr zu finden. Auch nach mehrmaligem Auf-den-Kopf-stellen und Schütteln nicht. Scheiße. Hab ich bestimmt irgendwo verloren. Beim Fahrradfahren mit offener Tasche oder auf einer Party vermutlich. Vielleicht hab ich auch irgendwann einmal eine Wegbeschreibung, eine Telefonnummer oder eine Einkaufsliste darauf geschmiert und den Zettel vor der 40-Grad-Wäsche zerknüddelt aus der Hosentasche gefischt und pflichtbewusst in der Altpapiertonne entsorgt. Eine in kleine Fasern zersetzte Lebensanleitung auf meiner kompletten dunkel-bunten Wäsche verteilt wäre auch irgendwie bedauerlich. Und lästig. Hab keine Fusselrolle im Haus. Da würde es schon mehr Sinn machen, sie dem Wiederverwertungskreislauf zugeführt zu haben. Damit daraus am Ende noch eine Zeitung oder ein hübscher Recyclingpapier-Notizblock entstehen kann. Auf dem sich ein ökologisch und/oder politisch korrekter Mensch mit mittelweichem Bleistift eine To-do- oder eine Pro- und Kontra-Liste macht. Wahlweise ein paar Zeilen für die Liebste hinterlässt oder kluge Geistesblitze wie „Es gibt kein richtig oder falsch“ notiert. Das würde mir in meiner momentanen Situation nicht weiterhelfen aber es wäre ungemein tröstlich zu wissen, dass die Gebrauchs- und Dosierungsanleitung für mein Leben weder einfach vom Werk vergessen wurde, noch dass sie nun in einer schmuddeligen Pfütze aufweicht und zerfällt oder von einem böigen Wind durch verlassene Straßen geweht wird. Vom Wind of Change am Ende noch – und die Scorpions verkraftet man selbst in gefestigten Lebensphasen nur mit Mühe.

Ich kann ihn jedenfalls nicht finden den Wisch, auf dem steht, wie viel Leben und Veränderung am Tag in welcher Dosis gesund, heilsam, giftig oder gar tödlich sind. Auch am Packungsboden vermisse ich eine übersichtliche kleine Graphik oder Hinweise wie „Der empfohlene Tagesbedarf eines durchschnittlichen Erwachsenen beträgt…“. Ein durchschnittlicher Erwachsener. Auch nicht schön.

Doch vielleicht suche ich ja auch völlig falsch und muss eher nach einer Bauanleitung Ausschau halten. Nach so einem großformatigem Ikea-Heft. Mit denen geht es mir ja immer gleich. Entweder fühle ich mich der skandinavischen Instruktion haushoch überlegen, schmunzel kurz gönnerhaft über die Skizze mit dem Männchen mit der spitzen Nase und dem empfohlenen Werkzeug und entsorge sie noch mit der zerrupften Verpackung (wahlweise Pax, Billy, Trondheim, Malm oder Hemnes…könnten auch Kindernamen von Brangelina sein…) im Container auf dem Parkplatz des Möbelhauses. „Wertstoffcenter“ lautet dort der euphemistische Terminus für Mülltonnenansammlung im Übrigen. Oder ich werfe zuhause einen Blick auf das Deckblatt, beginne drauf los zu schrauben und überschlage versehentlich eine Seite, weil ich mit dem bestrumpften Fuß umblättern muss, da beide Hände und ein Knie Bauteile zusammenhalten. Das Resultat ist meistens das gleiche: Die Rückwand ist verkehrt herum festgenagelt und Schubladen lassen sich nicht schließen. Gerne platziere ich auch Türscharniere falsch. Aber bei Ikea gibt es wenigstens eine Service-Telefonnummer und ein dreimonatiges Rückgaberecht. Zumindest letzteres ist bei meinem Leben bereits überschritten. Knapp, aber überschritten.

Es bleibt zu hoffen, dass die Anleitung, die ich hoffnungsvoll herbeisehne, nicht einer solchen gleicht, die gerne mit Radioweckern oder Handrührgeräten aus dem unteren Preissegment geliefert werden. Unverkennbar handelt es sich dabei um die Stichpunkte eines verrückten asiatischen Ingenieurs, dessen Assistent oder Sekretärin seine schwer leserlichen Notizen durch eine Internet-Übersetzungsmaschine gejagt hat, um das dabei herauskommende Kauderwelsch selbstbewusst als Gebrauchsanweisung abzudrucken. Wer so etwas redigiert, möchte ich wissen. Wahrscheinlich ein kleines Äffchen mit Hut, das im Vorzimmer des wahnsinnigen Erfinders sitzt und nebenberuflich Gesetzesentwürfe für die Vereinigten Staaten verfasst. Nach einer gescheiterten Karriere auf einem Leierkasten.

Vielleicht gab es aber auch Hinweise, die irgendwo an meinem Leben festgenäht waren. EU 38, stone washed, waschbar bei 40 Grad, nicht chemisch bleichen, nicht schleudern, wash with similar colours, kann beim ersten Waschen ausfärben. Wenig prosaisch, aber präzise und unmissverständlich. Wem das Leben dann noch einläuft, der ist selbst Schuld. Bleibt zu hoffen, dass ich es bei meiner Existenz nicht wie mit neu gekaufter Unterwäsche gehalten habe: als erste Amtshandlung das Schildchen rausgeschnitten. Das kratzt sonst und jeder, der hinter einem geht, kann sehen, welche Größe man in Wahrheit hat, wenn man sich einmal nachlässig angezogen hat.

Vielleicht google ich mein Problem einfach und registriere mich in einem Userforum. Dann muss ich jetzt nur noch meine genaue Typenbezeichnung, das Betriebssystem und die Prozessorleistung in Erfahrung bringen. Glaube ich. Wo stand das nochmal…?

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Dann lieber barfuß

„Was wollt ihr eigentlich sein“, frage ich, „was?!“ Ich frage es weniger, als dass ich es brülle. Wenn ich könnte, würde ich euch am Hals packen und schütteln. Aber das geht nicht. Ihr habt keinen Hals. „Mann ey“, denke ich mir, „irgendwann muss man sich doch mal entscheiden“, und wende mich euch wieder zu. „Los jetzt, sagt! Wollt ihr ein Herrenschuh oder ein Turnschuh sein? So ’ne komische Mischung, das geht nicht. Das geht einfach nicht. Guckt doch mal, wie ihr ausseht…!“ Fast bekomme ich Mitleid, wenn ich euch so ansehen, wie ihr da vor mir steht. Braunbeiges Leder, dessen Farbigkeit ein aktueller Schuhmodenkatalog wohl als „cognac“ bezeichnen würde, Cognac – schön wär’s! Aber davon bräuchte ich eine Menge, um meinen Zugang zu euch zu finden. Ich würde vermutlich so viel von der karamellfarbenen Flüssigkeit in mich hinein kippen um euch gut zu finden, bis mir das Hochprozentige den Sehsinn vernebeln würde, so dass ich aus 1,76 Metern Höhe nicht mehr bis nach unten gucken und euch wahrnehmen könnte. Entweder würde meine lebhafte Fantasie, die aus euch einfach ein Paar astreine Sneakers machte, euch dann helfen oder das optische Embargo, das mein Organismus über meine Sinne verhängt, würde euch zur Seite springen. Andererseits wäre ich dann vermutlich bereits so stark sediert, dass ich mich im Handumdrehen auf Augenhöhe mit euch, das heißt auf dem Asphalt befände. Cognacfarben also sollt ihr sein. Und was soll das überhaupt bitteschön mit diesen dicken, in hellerem Ton (Cognac-Schorle?) abgesetzten Nähten und Schnürsenkeln? Was sollen die mir suggerieren? Euer Träger geht auch mal dahin, wo’s wehtut? Wo auch immer das ist… Der ist auch ein Mann für’s Grobe? Guckt euch bitte mal seine Hände an, feingliedrig und weich, wie die einer Vorzimmerdame. Das gröbste, was der in seinem Leben gesehen hat, ist vermutlich die Leberwurst, die Oma ihm früher morgens immer aufs Butterbrot geschmiert hat. Und was hat es mit dieser dicken Sohle auf sich, die sich vorne bis über eure Spitze zieht? Da habt ihr aber auch ein paar Gene eines Joggingschuhs abbekommen, was? Naja, man weiß eben nie, vor wem man am Casual Friday wegrennen muss, aber so seid ihr gewappnet. Ihr in eurer Gesamtkomposition – was ist eure Botschaft an die Welt? Unser Träger ist ein Vorzeigevertreter der Gegenwart? Zivilisiert, angepasst, weiß, wann Zurückhaltung geboten und provinziell anmutende Lockerheit gewünscht ist. Blöd nur, dass man auf euch jeden Fleck sieht, wenn euer Träger am Wochenende auf dem Schützenfest nach dem dritten Radler in Euphorie gerät, seinen Kumpels um den Hals fällt oder gar bei den Klängen von „Ich war noch niemals in New York“ auf den Tanzboden stürmt und dabei versehentlich das Getränk verplempert. Ich bedaure, der Versuch, Rückgrat durch einen Stock im Arsch vortäuschen zu wollen, ist hiermit durchschaut und gescheitert. Aber vielleicht passt das Mädchen dort mit den champagnerfarbenen Stiefeln zu euch…

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Kofferkuli-yo!

An der Gepäckausgabe zeigt der Mensch sein wahres Gesicht. Dort ist er gern nicht nur dem Kofferband, sondern auch sich selbst am nächsten. Dabei ist er nicht gern allein. Menschliches Geleit interessiert ihn hier jedoch höchstens sekundär. Der beste Freund des Menschen – dachten wir lange Zeit, es sei der Hund – müssen wir am Kofferband feststellen: Es ist der Kofferkuli, der dem Meister des aufrechten Gangs und der unaufrichtigen Haltung am nächsten steht. Im wahrsten Sinne des Wortes. Bis unter die frisch gelandeten Zähne bewaffnet, mit diesem raffinierten Vehikel der Passagiergepäckbeförderung im Anschlag, bezieht der Reisende Stellung am Kofferband. Und zwar in der ersten Reihe. Das heißt tatsächlich, er befindet sich in unmittelbarer Bandesnähe. Das ist so nah, dass das Band bei Inbetriebnahme durch das Flughafenpersonal den wartenden Reisenden – je nach Körpergröße – knapp unterhalb der Kniescheibe das Bein touchiert.
An forderster Front stehen die wartenden Reisenden dicht an dicht. Das haben sie sich verdient, in hartem Kampf das Recht dafür erworben. Denn kaum dass das Fahrwerk des tropischen Touristenbombers Asphaltkontakt hat, klacken und rattern mit maschinengewehrartigen Salven die Griffe der Handgepäckablagen. Wer zuerst kommt, wartet zuerst! Am Kofferband. In Windeseile wird mit geübten Griffen aus dem Fach geklaubt, worauf der Reisende unmittelbar vor, während und nach seinem Flug nicht zu verzichten vermag. Bastkörbe vom Kunsthandwerkermarkt, Kosmetikkoffer, Daunenjacken. Schließlich steht man gemeinhin, je nach Sitznummer, in bandscheibenvorfallfreundlicher Haltung (Schwerpunkt Halswirbelsäule) gekrümmt und geduckt im Flugzeuginnenraum herum, voller Ungeduld wartend, dass der Flieger seine endgültige Parkposition erreicht hat. Um sich dann zugleich mit Hunderten anderer Fluggäste aus der Maschine zu drücken. Da sind wirklich erhöhte Aufmerksamkeit und Anstrengung empfohlen, hört man doch schließlich allzu oft, dass Ferienflieger ungeöffnet und unentladen direkt wieder zurück in den Süden geflogen sind.
Handgepäck sichergestellt? Dann nichts wie ans Förderband der gepäcklogistischen Eitelkeiten. Rimowa trifft auf Samsonite und Neckermann. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Auch, was Intelligenz und Sozialkompetenz betrifft. Die Logik, wer zuerst am Band steht, bekommt auch zuerst seinen Koffer, entspringt einer ganz eigenen mentalen Dimension. Vielleicht einer besonders einfachen. Dieser folgend ist es das oberste Gebot, sich mit möglichst vielen Menschen und Kofferkulis gleichzeitig möglichst dicht an das Band zu stellen, um allen, die weiter hinten stehen, die Sicht aufs Band wenn möglich komplett zu versperren. Hier sind Superlative gefragt. Zudem gilt: Frauen und Kinder zuerst, wir brauchen jeden Mann. Denn es ist ja gemeinhin bekannt: Jeder Koffer darf nur ein einziges Mal im Wartesaal zirkulieren, bevor er entweder unverzüglich zurück ins Urlaubsland geflogen oder der Flughafen-Mission gespendet wird. Um seine gesellschaftliche Stellung zu unterstreichen, empfiehlt es sich bei der Entgegennahme mehrerer Gepäckstücke, die bereits erhaltenen neben sich und dem Kofferwagen aufzureihen. Gleichsam kann man es so den rangniedrigeren, hinten Wartenden zusätzlich erschweren, ihr Gepäckstück zu erspähen. Schnell wird so klar, wer das erste Glied in der Kofferkette ist.
Zuweilen mag es den Beobachter erstaunen, dass die Gepäckband-Elite nicht bei jedem ergatterten Stück die Fäuste in den Himmel reißt und laut jubelt. Die benimm- und intelligenzferneren Wartenden könnten im Fall einer erfolgreichen Gepäckentgegennahme applaudieren. Das konnten sie bei der Landung zuvor ja bereits üben.
Wer alle Koffer erfolgreich eingesammelt hat – Tetris- oder Super-Mario-Klänge im Hintergrund würden dem Spiel gut tun – dränge sich möglichst rüpelhaft durch die restlichen Wartenden. Schließlich soll jeder was davon haben, wenn die Krönung der Krone der Schöpfung seine schmutzige Wäsche wieder hat. Könner rammen hierbei wie zufällig die Stoßstange des Kofferkulis gegen Knöchel oder Schienbeine der Umstehenden. Doch hierbei sei nicht allzu zu viel Zeit zu verlieren, schließlich gilt es noch, unmittelbar nach dem Einzug in die Empfangshalle mit seinem gesamten Gepäck stehen zu bleiben, die lieben Verwandten samt 20-köpfiger Entourage zu begrüßen und mit Sack und Pack den Durchgang zu blockieren. Gute Reise.

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Fort Knox

Am Wochenende habe ich eine Frau gesehen, die offensichtlich mit einem goldenen Löffel im Mund geboren wurde. So nehme ich an. Möglicherweise wurde er ihr auch erst im Laufe ihres Lebens in den Rachen geschoben. Doch die Art ihres Auftretens, wie sie lassziv einen teuer beschuhten Fuß vor den anderen setze, wie sie Kinn und Nase in aufstrebender Flucht gen Himmel gereckt hielt, meine ich lesen zu können, dass es sich um einen genuinen Löffel handelt. Die kalten Augen richtete sie auf einen Punkt knapp oberhalb meines Kopfes, ganz so, als sei ich gar nicht vorhanden.
In einem erstrebenswerten Zustand schien sie sich nicht zu befinden. Bitterkeit lag in ihrem Blick, vielleicht hervorgerufen durch den Geschmack in ihrem Mund. Scheußlich muss das sein, zeitlebens die Sinne edelmetallisch übertüncht. Da würd jeder komisch gucken. Und sprechen? So gut wie unmöglich. Wer soll einen denn verstehen, wenn man dauerhaft von einem noblen, zwischen den Kauleisten liegenden Besteck geknebelt ist? Zudem muss es wahnsinnig anstrengend sein, auch nur ein halbwegs deutliches Wort heraus zu bringen, klemmt einem permanent ein Esswerkzeug zwischen den Lippen – wenngleich ein kostbares. Außerdem wäre die Gefahr, an dem güldenen Löffel jämmerlich zu ersticken, viel zu groß, versuchte man, mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen. Oder den Löffel gar abzugeben, mit einem lauten Scheppern fiele er dann zu Boden. In keinem Fall ist Schweigen wohl zutreffender Gold.
Ich frage mich allerdings, was passiert, wenn man jemandem, der mit einem goldenen Löffel im Mund zur Welt gekommen ist, obendrein noch Zucker in den Arsch bläst?

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Instant Emotion

Es gab mal eine Zeit – wie lange mag das her sein? Ich weiß es nicht, es scheint mir fast als sei es gestern erst gewesen. Doch wenn ich zurückblicke, dann ist der Horizont ein anderer. Es gab jedenfalls diese Zeit, in der Begegnungen zweier Menschen ihren Zauber für eine Weile behalten durften. Das bedeutet keineswegs, dass das immer leicht war, trotz Zauber. Denn jeder Zauberer, der was auf sich hält, weiß, wie anstrengend Magie ist (Gandalf sieht nicht ohne Grund so wahnsinnig verbraucht aus).

Die beiden Menschen sind einander also begegnet. Früher – damals war die Mark aber mindesten noch zwölf Pfennige wert – hieß es dann erstmal: ab auf den Pfad der Ungewissheit. Wann sieht man sich wieder? Sieht man sich überhaupt wieder? Wie krieg ich die Nummer raus? Nur um sie zu haben, nicht etwa um anzurufen! Wochenlang konnte das so gehen. Hart, aber schön. Vielleicht hatte ja auch einer der beiden genug Mumm, nach der Telefonnummer zu fragen oder sogar nach einer Verabredung. Sicher, Angst vor Ablehnung fühlt sich beschissen an, aber da hat man noch richtig was in die Waagschale geworfen. Wertschätzung. Der andere war mir das Mutzusammennehmen wert. Oder ich ihm. Klar, für jeden X-Beliebigen hätte man das nicht getan. Eben.

Und jetzt? Jetzt Schnappen wir einen Namen auf oder werden einander vielleicht noch vorgestellt. Und da ist ein Zauber oder zumindest ein vermeintlicher. Dann trennen sich die Wege, aber keiner bleibt allein. Scheinbar. Begeben Sie sich an Ihren Computer – Gehen Sie direkt dorthin – Gehen Sie nicht über Mut – Ziehen Sie keine zwischenmenschliche Nähe ein. Hatten wir früher Herklopfen und Sehnsucht, fliegen jetzt die Fingerspitzen über die Tastatur, während wir das Leben des anderen recherchieren. Mit Speichel im Mundwinkel, unter Geleit eines latenten Unwohlseins (wir wissen doch ganz genau, dass es irgendwie jämmerlich ist, dass wir uns ins digitale Parallel-Universum verkriechen). Das geht alles so rasend schnell, dass der Zauber, dieses zarte Geschöpf, in der ersten Kurve von uns geschleudert wird. Von uns selbst von uns geschleudert. Vielleicht freundet man sich auch an. Freundschaft ist im Internet immer nur einen Mausklick weit entfernt – und binnen eines Mausklicks wieder zu ent-fernen. Und dann schreiben wir einander Botschaften, die so arm an Ausdruck sind, wie ein schlechter Pantomimekünstler. Dem obendrein noch die Arme abgehackt und Mund und Augen zugeklebt wurden. Ohne Stimme, ohne Gestik, ohne Blicke, ohne Mut. Blind konsumiert man einander, Begegnungen am Fließband (zwei links, zwei rechts,…), wiegt sich hinter Monitor-Mauern in Sicherheit. Das kostet uns nichts. Zumindest keine Stärke. Zumindest auf den ersten Blick. Wie viel ist einem ein Mensch denn wert, wenn man lediglich Worte aus Tastaturen rauschen lässt?

Aber es hat eben doch seinen Preis. Wir bezahlen dafür mit Leere. Denn wie das so ist bei Fast-Food-Produkten (aufreißen, verschlingen) und Instant-Lebensmitteln (heißes Wasser drauf, umrühren, fertig): die kann man ohne großen Aufand zu sich nehmen. Aber satt machen sie nicht.

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Grüne Gefahr

Da steht ihr. Ihr habt euch in Schale geschmissen. Das Grün steht euch sehr gut. Und auch das Rot. Ganz vertraut ist euer Anblick. Schon mein ganzes Leben lang begleitet ihr mich. Und jetzt, jetzt soll ich euch misstrauen? Mir ist mulmig zu Mute. Was soll ich denn glauben? Das, was DIE erzählen, oder kann ich mich auf euch verlassen? Seid ihr immer noch Ballaststoff-Buddies oder lass ich besser die Finger von euch, aus Angst, ihr könntet mich hinterrücks niederknüppeln, mich voll erwischen und dann am Ende jämmerlich (durch)fallen lassen…? Wer seid ihr, Freund oder Feind? Der coli-Wolf im Gemüse-Schafspelz?

Naja, anzusehen ist euch nichts. Ich muss an Fukushima denken. Und an Dioxin. An Pflanzenschutzmittel auf Lollo-Rosso-Salat und Schwermetall im Räucheraal. Feinstaubbelastung im Stadtgebiet, Elektrosmog, Hautkrebs, Schimmelpilze. Formaldehyd im Küchenboden, Muammar al-Gaddafi in Libyen, Scooter in den Charts. Gefrierbrand, Glaskorrosion, Lochfraß. Verdammt! EHEC oder Strahlentod – ich kann mich gar nicht entscheiden, wovor ich zuerst Angst haben soll!

…apropos Gaddafi: Der ist bestimmt heilfroh, wenn sich Europa in die Buchse scheißt. Wenngleich nicht aus Angst vor ihm. Obwohl – genug Phantasie für diese Annahme hatta!

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